Mehr als nur Soundtrack
Für das Lichtfestival Re.Light 2026 gehen die Domspatzen eine herausragende Kollaboration ein
Das Ding steht im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais, als wäre es gerade gelandet. Wie ein fremder Besucher aus dem All, gleichzeitig monströs und filigran, hat es sich in ein Bassin gestelzt. Und seine drei Arme ausgestreckt: Wie überdimensionierte Zeiger einer Uhr beginnen sie rätselhaft zu kreisen und werfen dabei Licht in den Raum, als würden sie die Umgebung vermessen.
Der britisch-deutsche Lichtkünstler Sebastian Kite hat „Inner Time“ für das Regensburger Re.Light-Festival 2026 erfunden. Es markiert eine bemerkenswerte Zusammenarbeit mit den Domspatzen. Nur sehr selten wird Musik zu einem derart zentralen Bestandteil von Lichtkunst wie in diesem Fall.
Musik als Dreh- und Angelpunkt
Was die Besucher nur ahnen können: Im Zentrum steht Thomas Tallis’ „O nata lux“ („O Licht, geboren aus Licht“) – die dreiminütige Originalaufnahme mit den Domspatzen ist allerdings gestreckt auf 90 Minuten. Wie passend: Die Motette zum Fest „Verklärung des Herrn“ wird selbst transformiert. Die Sphärenklänge verwandeln sich in einen Soundtrack aus anderen Dimensionen.
Sorgfältig hat Sebastian Kite zu dieser Musik seine magische Licht-Uhr choreographiert. Wie von Zauberhand gehorchen die drei Arme den jeweiligen Stimmgruppen.
Versteht man das, muss man das verstehen? „Inner Time“ erinnert an den Lauf der Planeten – da brauchte es auch einen Johannes Kepler, um dieses Zusammenspiel zu entdecken und zu verstehen.
Spektakulär unspektakulär
So gesehen ist „Inner Time“ eine faszinierende Mahnung zu Demut. Nur weil Strukturen nicht sofort erkennbar sind, bedeutet das eben nicht, dass sie nicht existieren. Aber diese rätselhafte Ungewissheit auszuhalten, kann zur echten Herausforderung werden.
„Wann geht es denn endlich los?“ Sebastian Kite kennt diese Reaktionen seines Publikums. Und beobachtet neugierig, wie sich Menschen verhalten. Wie sie sich hineinziehen lassen in dieses Spiel, das so ganz ohne Spektakel auskommt.
Es ist ein Spiel der sinnlichen Wahrnehmung. Nicht nur der Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, sondern auch der Bewegungen des Klangs, der aus den rotierenden Armen kommt, und nicht zuletzt der immer wieder lautlos vorbei gleitenden Lichtstäbe.
Sie gleißen gerade so hell, dass man unwillkürlich die Augen zusammenkneift. Ob man das auch reduzieren könne? Auf keinen Fall, sagt Sebastian Kite: Genau so soll es sein – gerade an der Schmerzgrenze. Das Licht zwingt uns für einen Augenblick, nur die Musik zu hören.
Ästhetik des Unsichtbaren
Nichts ist hier zufällig. In seiner ästhetischen Strenge und Schönheit ist „Inner Time“ mit der Kunst der Domspatzen noch auf einer anderen Ebene verbunden: Der nicht unbeträchtliche technische Aufwand ist ganz und gar unsichtbar, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Wie das alles funktioniert? „Das spielt gar keine Rolle“, sagt Sebastian Kite. Aus dieser magischen Leichtigkeit entsteht große künstlerische Kraft – nicht anders, als wenn die Domspatzen zu singen beginnen.
Und sie singen auch live: Die abendlichen Auftritte der Domspatzen während des Re.Light-Festivals gehören unzweifelhaft zu den Höhepunkten des Jahres 2026.
Die Leichtigkeit des Augenblicks
Licht und Musik, die zwei flüchtigen Künste des Augenblicks, treffen aufeinander. Es entstehen geradezu unwirklich schöne Momente, als wäre das alles nur ein Computer-Rendering. Die KI träumt, und wir träumen mit ihr.
Gut möglich, dass das Ding jeden Augenblick seine Arme wieder einklappt, das Licht erlischt, die Musik verstummt und mit einem leisen Seufzen in eine andere Dimension verschwindet.
Der Künstler
Sebastian Kite lebt und arbeitet in Frankreich. In seinem Schaffen untersucht er die Schnittstelle zwischen Kunst, Architektur und Musik und schafft immersive Umgebungen, die die unsichtbaren emotionalen Strukturen menschlicher Erfahrungen sichtbar machen.
Re.Light
„Re.Light“ ist ein internationales Lichtkunst-Festival in der UNESCO Welterbe-Stadt Regensburg. Künstler:innen aus unterschiedlichen Bereichen gestalten mit Installationen den urbanen Raum. Das Festival fand im März 2026 zum zweiten Mal statt.


