Über den Wert und die Verantwortung des immateriellen Kulturerbes der Domspatzen in der Welterbestadt Regensburg.
Ein Essay von Marcus Weigl
„Historisches Erbe und lebendige Gegenwart gehören zusammen“, brachte es Professorin Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, bei der bundesweiten Eröffnung des Welterbetags auf den Punkt: „Nur wenn die Vergangenheit bewahrt und weiterentwickelt wird, ist unsere Zukunft gesichert.“ Vor 20 Jahren wurde Regensburg in die prestigeträchtige Liste des Welterbes aufgenommen – Anlass, den bundesweiten Aktionstag an der Donau zu eröffnen. In mehr als 550 Veranstaltungen in ganz Deutschland wurde historisches Welterbe für alle erfahr- und begreifbar.
Dass hier die Domspatzen nicht fehlen durften, liegt auf der Hand. Als singende Botschafter Regensburgers gehören sie zur kulturellen Identität der Stadt. Seit 2024 sind sie als Teil der „Vier Knabenchöre Bayerns“ offiziell ins Bayerischen Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Aber zur Eröffnungsfeier im historischen Reichssaal sang ausgerechnet der jüngste Spross einer Institution, die als Chor- und Bildungsmarke satte 1050 Jahre auf dem Buckel hat. Ganz bewusst gestaltete der von Elena Szuczies geleitete Mädchenchor den Festakt. Und ganz im Sinne einer „lebendigen Gegenwart“, die nicht bei einer stolzen Tradition stehenbleibt, sondern ihre eigene Geschichte zeitgemäß fortschreibt.
Kulturerbe im Welterbe
Wenn von kulturellem Erbe die Rede ist, denken viele eher an Steine als an Beine, an Kathedralen, historische Stadtmauern und bedeutende Bauwerke. Regensburg besitzt mit seiner mittelalterlichen Altstadt, der Steinernen Brücke und dem Dom St. Peter ein Erbe von herausragender Bedeutung. Doch wie jede Stadt lebt auch sie nicht von ihren Mauern, Türmen und Plätzen. Diese sind nur die Bühne. Belebt wird sie von Klängen, Erinnerungen, Traditionen und Fähigkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dieses lebendige Erbe bezeichnet die UNESCO als immaterielles Kulturerbe. Es ist ein Erbe, das man nicht anfassen kann. Aber das man erleben darf.
Mehr als ein Jahrtausend lang, seit ihrer Gründung im Jahr 975, pflegen und entwickeln Generationen junger Menschen den liturgischen Gesang im Regensburger Dom. Erst im 19. Jahrhundert werden diese Sänger als „Domspatzen“ bekannt. Diese außergewöhnliche Kontinuität macht sie zum ältesten Knabenchor der Welt mit einer durchgängigen Aufführungstradition. Sie sind ein einzigartiger Kulturträger Europas.
Aber das allein reicht bei weitem nicht aus, um als Immaterielles Kulturerbe anerkannt zu werden. Der eigentliche Wert der Auszeichnung liegt nicht an einer „Anciennität“. Es geht vielmehr um den kulturellen, sozialen und identitätsstiftenden Wert einer solchen Errungenschaft sowie um den Einsatz dafür, dieses Kulturerbe lebendig zu halten.
Das immaterielle Erbe der Domspatzen besteht eben nicht allein aus einem besonderen musikalischen Repertoire und einer charakteristischen Chorkunst. Es umfasst die Weitergabe von musikalischem Wissen, die Erfahrung gemeinschaftlichen Singens, die Verbindung von Glaube, Bildung und Kunst sowie die Fähigkeit, junge Menschen durch Musik im Sinne einer freiheitlich demokratischen Werteordnung zu bilden und zu prägen.
In einer Zeit zunehmender Individualisierung und gesellschaftlicher Fragmentierung schaffen Chor und Gemeinschaft Erfahrungen, die über den Einzelnen hinausweisen. Zuhören, Verantwortung übernehmen, sich in einen gemeinsamen Klang einfügen und zugleich die eigene Stimme finden – all dies sind Fähigkeiten, die aus der musikalischen Praxis wachsen und von dort aus alle Lebensbereiche durchwirken und für sie Bedeutung haben. Durch die Menschen, die diese Traditionen leben und weitertragen, wird kulturelles Erbe zu einem Teil der Gegenwart.
Tradition ist nichts, was man an Feiertagen aus der Vitrine holt. Und schon gar nicht ein krampfhaftes Festhalten am Althergebrachten. Sondern ganz im lateinischen Wortsinn das, was es wert ist, von Generation zu Generation weitergegeben zu werden. Die Ernennung zum (immateriellen) Erbe ist keine Auszeichnung, die vom Himmel fällt. Man durchläuft einen intensiven, herausfordernden, aber deshalb auch ungeheuer wertvollen Antragsprozess.
In der Welterbestadt Regensburg, in ihrer unmittelbaren Heimat, besitzen die Domspatzen eine besondere symbolische Kraft. Die steinernen Zeugnisse der Stadt erzählen von historischen Dimensionen; die Stimmen der Domspatzen verleihen dieser Geschichte einen Klang. Im Zusammenspiel bilden Dom, die Altstadt und der Chor gemeinsam ein wertvolles Kulturgut. Wer die Domspatzen im Dom St. Peter hört, erlebt nicht nur Musik, sondern die Verbindung von Raum, Zeit und einer lebendigen Tradition.
Auszeichnung ist Verantwortung
Die Ernennung zum „Immateriellen Kulturerbe“ bedeutet große Verantwortung. Es gilt, die eigene Tradition zu achten, ohne sich den Fragen und Anforderungen der Gegenwart zu verschließen. Und damit sind wir wieder beim Festakt im Reichssaal: Die Öffnung der Institution für Mädchen und die Gründung eines eigenständigen Mädchenchores zeigen beispielhaft, wie eine jahrhundertealte Kulturform ihre Identität bewahren und dabei neue Wege gehen kann.
Braucht es dazu Mut? Jede Menge! Wer um seinen Kern weiß, wer sich seiner selbst und seines Wertes bewusst ist, tut sich dabei allerdings nicht schwer. Tradition kann eben nur lebendig bleiben, wenn sie Mut, Lust und Neugier auf beständige Erneuerung besitzt.
Zu dieser Verantwortung gehört auch die ehrliche Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte. Verklärung ist Gift. Es braucht Wahrhaftigkeit. Und das gilt selbstverständlich auch für die Domspatzen: Die Verfehlungen der Vergangenheit sind glücklicherweise wissenschaftlich dokumentiert; wir Domspatzen sind gefordert, mit dieser Vergangenheit zu leben. Und die Verantwortung anzunehmen. Das Wohl der uns anvertrauten Kinder konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Der Maßstab muss sein, auch vor dem Urteil zukünftiger Generationen bestehen zu können. Aber nur so kann es uns gelingen, eine Kultur des Respekts, der Transparenz und des Vertrauens zu leben.
Musikalische Exzellenz ist Grundlage für den Weltruhm der Domspatzen. Aber etwas anderes ist ungleich wichtiger: Gelebte Glaubwürdigkeit muss für diese Institution immer absolut oberste Priorität besitzen.
Erbe als Auftrag
Kultur zu pflegen ist eine lebendige Aufgabe. Die Domspatzen sind nicht nur ein Echo der Vergangenheit, sondern eine Stimme in die Zukunft. Ihr Gesang schöpft aus existenziellen, zutiefst menschlichen Erfahrungen. Wo immer sie auftreten, künden sie von einer Humanität, von einer Menschlichkeit, die aus einem christlichen Wertekanon schöpft. Damit verbinden sie Menschen über Generationen und Grenzen hinweg, schaffen Identität und stiften Gemeinschaft in einer Vielfalt.
Die Domspatzen und die Welterbe-Stadt Regensburg sind dabei eine einzigartige Konstellation. Als singenden Botschafter erzählen die Domspatzen auch von einer singulären Stadtgeschichte, in der sich über Jahrhunderte unterschiedlichste Kulturen begegnet sind und auch widerstreitende Interessen verhandelt wurden.
Dabei sollte man sich von den heutigen Landesgrenzen nicht täuschen lassen: Die europäische Perspektive zeigt, wie sehr Regensburg ein Fokus- und Kreuzungspunkt von kulturellen Verbindungen war und ist – gerade auch ins östliche Europa, das uns, wenn wir ehrlich sind, immer noch in weiten Teilen fremd und unbekannt ist. Nicht zuletzt auf diesem Feld sehen wir eine besondere Aufgabe für die Zukunft.
Erbe als gesellschaftlicher Auftrag: Dieses ungeheure Potenzial liebevoll zu pflegen, mutig zu entwickeln und verantwortungsvoll in die Zukunft zu tragen, muss eine gemeinsame soziale Aufgabe und kulturelle Verpflichtung der Stadtgesellschaft sein. Steine – das ist die Vergangenheit. Kinder – sind unsere Zukunft.
„Gemeinsam für Frieden und Verständigung!“, lautete das Motto des diesjährigen Welterbetages in Deutschland. Regensburg – im Mittelalter viele Jahre das Zentrum Europas – und seine Steinerne Brücke sind ein eindrucksvolles Sinnbild für die Wichtigkeit, Brücken zu bauen. Auch die Domspatzen sind erfahrene Brückenbauer. Sie berühren Menschen, sie gewinnen Herzen und sie schaffen Verbindungen – ohne große Worte.
Vielleicht ist dies das Geheimnis des Chorsingens: Dass wir im Klang einander begegnen und zugleich eine Ahnung davon erhalten, was Harmonie wirklich ist – nicht nur in der Musik, sondern auch in unserem Zusammenleben.






