Ein Interview mit Elena Szucies, Leiterin des Domspatzen Mädchenchors

Seit September 2022 leitet Elena Szuczies (32) den Mädchenchor der Regensburger Domspatzen. Die gebürtige Rheinländerin hat katholische Kirchenmusik an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln studiert sowie ein Masterstudium Chordirigieren an der Robert-Schumann Hochschule in Düsseldorf bei Professor Dr. Martin Berger absolviert. Im Interview spricht sie über die rasante Entwicklung des  Domspatzen Mädchenchors, die erste Orchesteraufführung an Pfingsten im Dom, den Unterschied zwischen Knaben- und Mädchenstimmen sowie über die erste CD-Aufnahme knapp ein Jahr vor dem fünfjährigen Jubiläum des Mädchenchores.

An Pfingsten wird der Mädchenchor erstmals eine Orchestermesse in der Festmesse im Regensburger Dom aufführen. Welches Programm ist geplant?

Elena Szuczies: Ja, wir freuen uns schon sehr darauf, ein Hochfest mit dem Mädchenchor musikalisch gestalten zu dürfen. Passend zu diesem hohen Feiertag wird es ein besonderes musikalisches Programm geben. Wir werden bei Michael Haydns „Missa sub titulo Sancti Leopoldi“ von einem kleinen Orchester begleitet.

Was bedeutet Pfingsten für Sie?

Ich denke, dieses Fest, 50 Tage nach Ostern, hat viel mit uns persönlich zu tun. Die Jünger werden ausgesendet, um das Evangelium in die Welt zu tragen. Es ist in diesem Sinne auch die Geburtsstunde der Kirche. Und da haben wir Sängerinnen eine ganz wichtige Rolle. Wir singen den Menschen die frohe Botschaft ins Herz und lassen sie so spüren, welche Kraft im Glauben liegen kann. In der Mottete „Dum complerentur dies Pentecostes“ von Pedro de Cristo erzählen wir gleichsam musikalisch die Pfingstgeschichte.

Was wird den Mädchen mit dem Chorgesang im Dom vermittelt?

Zum einen ist es für alle eine Freude, in diesem faszinierenden Raum vor dem Silberaltar singen zu dürfen. Zum anderen ist es eine große Ehre, den Glauben sängerisch zu erleben. Vom Glauben singen zu dürfen, geht einfach tiefer ins Herz und ist etwas ganz Besonderes.

Welcher Unterschied liegt zwischen liturgischen Gesängen, dem Kerngeschäft der Domspatzen, und einem weltlichen Konzert?

Die Dommusik ist unser Schwerpunkt. Wir dürfen regelmäßig die wunderbare Kathedrale mit unseren Stimmen erfüllen. Unsere Konzerte sind davon nicht zu trennen. Wir gehen mit unserem Kathedralklang und unserem besonderen musikalischen Profil bewusst auch in andere Kirchen oder auf andere Bühnen. Die Dommusik ist so auch Quelle unseres Tuns. Unsere Konzertprogramme sind in diesem Sinne ein Brückenschlag zwischen der geistlichen und weltlichen Musik.

Sie leiten den Mädchenchor seit der Gründung im September 2022. Wie sehen Sie die Entwicklung bisher?

Die Entwicklung in den letzten vier Jahren war rasant. Der Chor hat sich schnell aufgebaut, sowohl in der Größe als auch im Klang. Im ersten Jahr waren es 33 Mädchen. Jetzt sind es bereits über 80 Mädchen und junge Damen. Wir können nahezu jede Literatur singen, die es für Mädchen- und Frauenchöre gibt. Künftig möchte ich verstärkt in zwei Gruppen arbeiten. Jede Altersgruppe soll entsprechende Literatur proben und aufführen können. Jüngere Mädchen haben musikalisch andere Anforderungen und Bedürfnisse als heranwachsende jungen Damen.

Wo sehen Sie die besondere Kraft der Chormusik, die die Regensburger Domspatzen seit 1050 Jahren pflegen?

Die musikalische Bandbreite ist beachtlich: Vom gregorianischen Choral bis zu zeitgenössischen Kompositionen. Es ist dieser besondere, warme und raumfüllende Klang, der die Domspatzen so berühmt gemacht hat. Diese lange Tradition der Domspatzen klingt in jedem ihrer Konzerte durch. Dieser Klang ist auch die Grundlage für ihren immer wieder neuen und frischen Sound.

Gibt es bei den Mädchen auch einen Stimmbruch?

Der Begriff „Stimmbruch“ passt nicht so gut zu den Mädchenstimmen. Denn – wie übrigens auch bei manchen Jungen – bricht die Stimme nicht, sie gleitet oft schrittweise nach unten. Freilich gibt es auch bei den Mädchen einen Wechsel von der Kinderstimme zur Frauenstimme, den man stimmbildnerisch gut begleiten muss. Dann können die Mädchen im Unterschied zu den Buben und Männern, deren Stimmbänder deutlich mehr wachsen, trotz Stimmwechsel weitersingen.

Im Juli wird der Domspatzen Mädchenchor seine erste CD aufnehmen. Was ist hier geplant?

Darauf freuen wir uns schon sehr. Ich möchte noch nicht zu viel verraten. Aber das Debut-Album des Mädchenchors muss natürlich etwas Besonderes werden. Nur so viel: Es wird eine faszinierende Klangreise. Wir werden mit der Musik unsere eigene Geschichte erzählen. Die Geschichte vom Domspatzen Mädchenchor, der in die Domspatzen-Welt aufgebrochen ist, um seine eigene Identität zu finden. Wir werden einige kostbare musikalische Schätze heben. Alte und neue Musik reichen sich die Hand. Lassen Sie sich überraschen!

Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Mir geht es darum, den jungen Menschen die Musik näher zu bringen. Es ist eine Freude, zu beobachten, wie die Mädchen durch das gemeinsame Singen im Chor als Persönlichkeiten wachsen. Mein Highlight im letztjährigen Jubiläumsjahr war der Gottesdienst, in dem alle Domspatzen im Dom gesungen haben. Es war ein berührendes Erlebnis, in und mit dieser Gemeinschaft zu feiern. Da kamen die Mauern von St. Peter aber mächtig ins Schwingen.

Wie sind sie als Rheinländerin nach Bayern gekommen?

Ganz einfach: Die Stelle bei den Domspatzen war ausgeschrieben und ich habe mich beworben (lacht). Ich habe bereits zuvor mit dem Mädchenchor am Kölner Dom als Chorassistentin gearbeitet, was mir große Freude bereitet hat. Mit jungen Menschen auf hohem musikalischem Niveau zu arbeiten, ist für mich eine wunderbare Kombination.

Was sind die nächsten Projekte für den Mädchenchor?

Im Sommer touren wir mit unserem Konzertprogramm „Songs of Life“ durch die Lande. Wir werden auch anlässlich des Regensburger Domjubiläums (750 Jahre Gotischer Dom) unter dem Motto „Klingender Dom“ ein Konzert mitgestalten. Die Neu-Einspielung (CD-Aufnahme) steht natürlich im Mittelpunkt. Besonders aber freue ich mich, dass wir den Festakt zur bundesweiten Eröffnung des UNESCO-Welterbetags am 7. Juni im Regensburger Reichssaal musikalisch umrahmen werden.

Fotos: Michael Vogl/Domspatzen, Christopher Thomas/Domspatzen