Christian Heiß über den musikalischen Neubeginn nach den Sommerferien, die Herbstkonzertreise und Musik, die Menschen etwas für ihren Alltag mitgibt.

Vom 23. bis 31. Oktober führt die Herbstkonzertreise der Regensburger Domspatzen durch Deutschland, die Schweiz, Italien und Österreich. Das Programm steht unter dem Leitgedanken „Fly My Soul – Musik, die gut tut“.

Für Domkapellmeister Christian Heiß ist die Reise mehr als eine Konzertfolge: Kurz nach Beginn des Schuljahres zeigt sich hier zum ersten Mal, wie der neu zusammengesetzte Chor klingt – und woran er im weiteren Chorjahr arbeiten wird.

Herr Heiß, warum ist die Herbstkonzertreise für Sie mehr als eine Tournee?

Christian Heiß: Weil für uns jedes Schuljahr musikalisch neu beginnt. Nach den Sommerferien steht nicht einfach derselbe Chor wieder da. Stimmen haben sich verändert, neue Domspatzen kommen dazu, andere übernehmen mehr Verantwortung. Wir müssen uns neu finden und den Klang neu aufbauen. Auf der Herbstkonzertreise zeigt sich zum ersten Mal über mehrere Konzerte hinweg, wie weit wir damit sind. Und danach geht die Arbeit weiter – das ganze Jahr.

Beginnt die Exzellenz der Domspatzen also tatsächlich jedes Jahr von vorn?

Christian Heiß: Ja. Die Exzellenz eines Chores fällt nicht vom Himmel. Sie muss sich in jeder Generation neu etablieren. Das ist anstrengend, aber genau das macht die Arbeit spannend. Wir singen auf Klang, nicht auf Lautstärke. Dafür braucht es Technik, Konzentration und Vertrauen. Und es braucht Leidenschaft. Ich kann keine lauwarme Musik leiden.

Die Reise steht unter dem Leitgedanken „Fly My Soul – Musik, die gut tut“. Was bedeutet das für Sie?

Christian Heiß: Musik darf der Seele guttun. Sie darf Menschen für 75 Minuten aus ihrem Alltag holen. Wenn sie danach wieder hinausgehen in ihre Welt, sollen sie etwas mitnehmen: einen Gedanken, einen Klang, vielleicht ein Lächeln. Sie sollen sich daran erinnern, was sie erlebt haben. Dann war es nicht nur ein Konzert, sondern ein Erlebnis.

Das klingt beinahe nach musikalischer Wellness.

Christian Heiß: Ja und? Wenn Musik einem Menschen guttut, ist das doch etwas Wertvolles. Aber es geht nicht nur ums Abschalten. Geistliche Musik stellt Fragen, sie tröstet, sie fordert heraus. Sie kann der Seele guttun – und sie kann Gutes bewirken. Beides gehört für mich zusammen.

Wie übersetzen Sie diesen Gedanken in ein Konzertprogramm?

Christian Heiß: Ein Programm braucht einen Bogen. Es muss die Menschen vom ersten Stück an mitnehmen und darf sie bis zum Schluss nicht verlieren. Ein Schwerpunkt liegt auf der klassischen Vokalpolyphonie des 16. und 17. Jahrhunderts. Aber wir singen nicht nur Musik aus der Vergangenheit. Mich interessiert die ganze Bandbreite geistlicher Musik – und damit auch die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung.

Wann entscheidet sich, wer mit auf die Reise geht?

Christian Heiß: Wir müssen halt in einen Tourbus passen. Meistens sind das rund 50 Domspatzen. Entscheidend ist aber nicht nur eine Zahl. Nach den Sommerferien kommen neue Stimmen dazu, andere haben sich verändert. Ich muss hören, wie der Chor zusammenfindet und welche Besetzung für dieses Programm trägt.

Warum ist es für die Domspatzen so wichtig, ins Ausland zu fahren?

Christian Heiß: Wir sind weltbekannt. Aber weltbekannt können wir nur sein, wenn wir in die Welt fahren. Für die jungen Menschen ist das eine große Erfahrung. Sie bringen unsere Musik an andere Orte, erleben andere Länder und begegnen Menschen, die sie sonst nie getroffen hätten. Und sie merken: Was wir hier in Regensburg erarbeiten, kann weit über Regensburg hinaus etwas auslösen.

Verändert die Reise auch den Chor?

Christian Heiß: Natürlich. Bei jedem Konzert klingt der Raum anders, jedes Publikum reagiert anders. Der Chor muss wach bleiben und sich schnell einstellen. Gleichzeitig wächst die Gruppe zusammen. Man verbringt viele Stunden miteinander, trägt die Anstrengung gemeinsam und steht beim nächsten Konzert wieder zusammen auf der Bühne. So eine Reise beschleunigt vieles.

Was sagen Sie den Domspatzen, bevor es auf die Bühne geht?

Christian Heiß: Habt Spaß! Das ist das Allerwichtigste. Und ich sage: Ich verlass mich auf euch – und ihr könnt euch auf mich verlassen. Wenn dieses Vertrauen da ist, entsteht im Konzert eine Freiheit, die man nicht proben kann. Dann reagiert der Chor spontan, statt nur das Eingeübte abzurufen. Ich liebe es, wenn wir gemeinsam zaubern.

Foto: Michael Vogl/Domspatzen