Wenn es sie nicht längst gäbe, man müsste sie glatt erfinden: Die “Tage Alter Musik” gehören unverrückbar zum Regensburger Pfingstwochende (und zum Konzertkalender der Domspatzen). Es ist ein internationales Festival der ganz besonderen Art, von dem man ungeheuer viel lernen kann.
Alle Auftritte der Domspatzen bei den Tagen Alter Musik Regensburg
Ein Essay von Clemens M Prokop
Auf die manchmal lästige Frage „Was gibt’s Neues?“ antwortet man am besten mit einer listigen Gegenfrage: „Kennen Sie denn überhaupt schon das Alte?“ Die Regensburger Macher der „Tage Alter Musik“ stellen diese Frage jedes Jahr mit einer ganz besonderen Leidenschaft, und immer zum Pfingstwochenende präsentieren sie ein aufregendes Programm, bei dem nur eines schwer ist, nämlich die Auswahl.
Entsprechend ungebremst ist der Run auf die Karten. es lohnt sich, schnell zu sein. „Im Grund ist alles ausverkauft“, sagt Ludwig Hartmann, ehemaliger Domspatz und einer der Festival-Gründer: „Aber hier und da gibt es noch Restkarten.“ Auch, weil in der 41. Ausgabe des Festivals noch einmal Kapazitäten erweitert wurden. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.
In der auch die Domspatzen seit Jahren ihren festen Platz haben. Sie bestreiten das Eröffnungskonzert, in diesem Jahr mit Trouvaillen von Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy. Für Domkapellmeister Christian Heiß ist das eine schöne Herausforderung. Dank des Festivals entsteht so jedes Jahr ein herausragendes chor-symphonisches Konzertprogramm. Die intensive Zusammenarbeit mit wechselnden Spezialensembles wie der Basler La Cetra, Musica Florea aus Prag oder Concerto Köln ist alles andere als Business as usual.
Denn während andere Chöre regelmässig mit großen Orchestern auftreten, bleiben solche Engagements für die Domspatzen eine wohl überlegte Ausnahme. Der Chor soll keine „Musik-Maschine“ sein, sondern darf im Zentrum stehen – und somit zum eigentlichen Erlebnis des Konzertes werden.
Deshalb ist die Eröffnung der Tage Alter Musik auch keine „Buchung“, sondern aus dem Kern heraus ein ureigenes Domspatzen-Anliegen, bei dem es auch für den Domkapellmeister und seinen Chor viel zu entdecken gibt. Und lernen kann man von den Tagen Alter Musik sowieso eine Menge.
Jedes Konzert hat eine Geschichte
Zum Beispiel: Darauf zu vertrauen, dass man auch abseits des Mainstream Erfolg haben kann. Das Festival lebt dieses Maxime überaus erfolgreich: Da gibt es keine garantierten Kassenschlager, sondern lauter Besonderheiten, und oft genug versteckt sich hinter einem Konzert eine verrückte Geschichte, eine persönliche Leidenschaft, eine besondere Idee.
Für Christian Heiß ist das eine wunderbare Herausforderung: „Auch wir Domspatzen besetzen ja eine Nische. Menschen kommen nicht, weil sie die immer gleichen Stücke erwarten, sondern weil der Chor das eigentliche Erlebnis ist. Wir dürfen sie immer wieder mit unserer Leidenschaft anstecken.“
Was heißt schon ‚alt‘?!
Man ist ja immer nur so alt, wie man sich fühlt… Und insofern ist auch die „Alte Musik“ in Regensburg etwas sehr Relatives: Die Domspatzen mit über 1050-jähriger Geschichte zelebrieren 2026 also Carl Maria von Weber zum 200. Todestag.
Man könnte schmunzeln, aber genau darum geht es eigentlich: Sich in Zeiten eines scheinbaren Innovationsdrucks und nie da gewesener Erfolgsmessung immer wieder auf die Suche nach dem Verschütteten, Verlorenen, vielleicht zu Unrecht Vergessenen zu machen. Und damit einen Komponisten, den die meisten wohl nur als Urheber des „Freischütz“ kennen, von einer ganz neuen Seite erlebbar zu machen.
Und das ist auch für die Sänger im Chor eine wertvolle Lern-Erfahrung. Die musikalische Annäherung an solche Werke bleibt genauso wenig ohne Spuren wie die Arbeit mit den Solisten und den Spezialisten an den Instrumenten. Da entsteht ein neuer Sound, entwickeln sich ungewohnte Spannungsbögen, und mit der ungeteilten Aufmerksamkeit des Chorleiters ist es auch vorbei…
Von Henry Ford stammt das Bonmot: „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer der, der er schon ist.“ Und das gilt in der Musik nicht weniger.
Wenn Neues entsteht…
Aber auch das kann man von den Tagen Alter Musik lernen: Was uns längst als „historisch informierte Aufführungspraxis“ vertraut und selbstverständlich scheint, ist nicht vom Himmel gefallen. Sondern hat sich entwickelt, nicht nur im Wissen, sondern auch in den Fähigkeiten – die man nicht einfach umschalten kan. Das gilt übrigens nicht nur für Musikerinnen und Musiker. Das gilt auch für die Hörgewohnheiten des Publikums.
Das erste Konzert mit Domspatzen-Beteiligung bei den Tagen Alter Musik hat denn auch nicht Georg Ratzinger geleitet, sondern Ton Koopman, der niederländische Pionier. Das war 1986 mit dem Ensemble Grande Ecurie et la Chambre du Roy. Die eigentliche Verbindung hat erst Christian Heiß’ unmittelbarer Vorgänger Roland Büchner begründet. Das war im Jahr 2000, und auch damals waren die Prager Originalklang-Spezialisten von Musica Florea mit dabei. Für Büchner stand es außer Frage, die großen Oratorien und liturgischen Werke vom Barock bis zur Romantik ausschließlich mit historischen Instrumenten aufzuführen.
Eine Linie weiterführen
Diese Linie führt Christian Heiß für die Domspatzen nahtlos fort. Ob Uraufführung oder ganz alte Musik: Für die Domspatzen kann es immer nur darum gehen, Kraft und Wert der Musik neu zu entdecken, zu feiern und mit dieser Energie anzustecken.
Wenn man das so selbstbewusst, konsequent und clever macht wie das Team der Tage Alter Musik, dann muss man sich um Publikumszuspruch keine Sorgen machen.


