Gesänge für die Ewigkeit

Die Kar- und Ostertage werden mit den Domspatzen zu einem besonderen Erlebnis

Die liturgischen Feiern der Karwoche und an Ostern sind im Regensburger Dom einzigartig. Mit ihrer Musik berühren die Domspatzen die Menschen. Und auch selbst zehren die Sängerinnen und Sänger davon oft ein Leben lang.

Die Karwoche ist das Herz-Stück des Domspatzen-Lebens und fühlt sich wie ein einziger großer Gottesdienst an. Da entsteht zwischen den einzelnen Chören eine universelle Verbindung. Die Karwoche ist Jahr für Jahr immer wieder genial,  faszinierend und bewegend. Je älter man wird, umso intensiver ist es. 

Chortheologe Christian Hambsch

Mensch drängen auf die Straßen. Sie haben sich aufgemacht, endlich den Retter zu begrüßen. Sie wollen ihm zujubeln. So lange mussten sie auf diesen Augenblick warten. Ausgelassene Freude! Jetzt ist er endlich da. So könnte es vor gut 2000 Jahren in Jerusalem gewesen sein.

Am Palmsonntag gedenken die Christen des Einzugs Jesu in Jerusalem. Damit beginnt für die Kirche die Karwoche, auch „Heilige Woche“ genannt. Auf Ostern hin verdichten sich die liturgischen Feiern. So entwickeln sie eine unnachahmliche Dramaturgie: Vom Einzug Jesu in Jerusalem unter Beifallstürmen über seinen grausamen Tod am Kreuz bis hin zum weggewälzten Grabstein.

Einzigartige Tradition

Die Kirchenmusik lässt diese Dramaturgie hörbar werden. Und das Repertoire der Regensburger Domspatzen nimmt in diesen Tagen die Menschen mit hinein in diesen Spannungsbogen des Glaubens.

Für die Sängerinnen und Sänger des Domchors wirft deshalb die „Heilige Woche“ weit vorher ihre Schatten voraus. Denn alle vier Domspatzen-Chöre, der Mädchenchor und die drei Knabenchöre, musizieren im Laufe der Woche im Regensburger Dom.

Der Knabenchor unter der Leitung von Max Rädlinger macht am Palmsonntag den Auftakt. Hymnisch macht der Chor den Jubel und die Freude der Menschen über das Kommen des Erlösers erfahrbar.

Der Blick geht aber auch schon voraus. Mit der Aufführung der Matthäus-Passion aus der Feder Max Rädlingers, für Chor und drei Solisten, wird der Palmsonntag als Eröffnung der Heiligen Woche hervorgehoben. Es ist der musikalische Blick auf das, was noch kommt: das Leidensgeschehen.

Bereits als Kind hat mich die Karwoche fasziniert. Diese Kargheit und Klarheit der Karwochen-Gottesdienste in den Tagen vor der Osternacht löste schon damals bei mir eine besondere Faszination aus. Wenn die Orgel letztmals am Gründonnerstag erklingt und dann eindrücklich in der Osternacht beim Gloria im Zusammenspiel mit dem Licht wieder einsetzt: Das ist etwas Wunderschönes.

Domkapellmeister Christian Heiß

Mittwoch in der Karwoche

Mit dem Läuten der kleinen Glocke vor der Domsakristei beginnt die so genannte „Karmette des Gründonnerstags“. Diese Trauermette wird normalerweise Donnerstag morgens gefeiert. In Regensburg findet sie allerdings schon am Vortag um 17 Uhr statt. Viele ehemalige Domspatzen sind zu dieser Stunde in den Kirchenbänken zu sehen. Denn diese Trauermette ist längst kein kirchenmusikalischer Geheimtipp mehr. Der Knabenchor des Domkapellmeisters und der Mädchenchor der Regensburger Domspatzen singen im Wechsel. Die Gemeinde singt Psalmen, unterbrochen von mehreren Lesungen.

Die von den Chören gesungenen Passions-Motetten alter Meister wie Palestrina, Victoria oder Ingegneri verwandeln den gotischen Raum zu einem Ort inniger Kontemplation. Gedanken kommen und gehen. Es ist die Musik, die seit jeher zur „Mystique“ der Domspatzen gehört. 

Schon die ersten Akkorde des „Incipit lamentatio“, Palestrinas unvergleichliche Vertonung der Klagelieder des Propheten Jeremia, ist eine Einladung an die Zuhörenden, zu sich selbst zu kommen. Spätestens jetzt überkommt nicht wenige Ehemalige wieder dieses so schwer zu beschreibende Gänsehaut-Gefühl eines Domspatzen.    

Donnerstag in der Karwoche (Gründonnerstag)

Die letzten drei Schulstunden sind absolviert. Einige Domspatzen starten jetzt in die Osterferien. Für die anderen stehen noch Chorproben auf dem Plan. Nach dem Mittagessen ist Zeit, sich auszutoben oder zu entspannen. Tagesschüler gehen nach Hause zu ihren Familien.

Die Buben und Männer des Chores von Kathrin Giehl treffen sich um 18.15 Uhr im Dom wieder. Da sind die rot-weißen Chorgewänder der Knaben und die schwarz-weißen der Männerstimmen bereits für die Dienste in der Heiligen Woche porentief gereinigt. Um 19.30 Uhr beginnt das große Pontifikalamt zum Gründonnerstag, die „Messe vom letzten Abendmahl“. Jesus saß am Abend vor seinem Tod zum letzten Mal mit seinen Jüngern zusammen und hielt Abendmahl. Danach wusch er ihnen laut Evangelium (Joh 13, 1–20) nacheinander die Füße.

Für die Kirche ist dies die Einsetzung der Eucharistiefeier, der Aufruf, dem Beispiel Jesu zu folgen und einander zu dienen. Die Domspatzen verstärken diesen Auftrag mit Michael John Trottas Vertonung von „Ubi caritas et amor, deus ibi est“ (Wo Güte und Liebe wohnen, dort nur ist der Herr).

Ohne dass es ihnen bewusst ist, erfüllen die jungen Sänger in diesem Moment bereits den Auftrag. Denn aus den vielen Stimmen wird nur dann ein harmonischer Klang, wenn die einzelnen Stimmen aufeinander hören, sich zur rechten Zeit zurücknehmen und andere hervortreten lassen.   

Freitag in der Karwoche (Karfreitag)

Bereits früh am Morgen wartet das Frühstück auf die noch übrig gebliebenen, ziemlich verschlafenen Spatzen. Schließlich beginnt um neun Uhr in St. Peter die Karmette des Karfreitags. Der Chor von Domkapellmeister Christian Heiß und der von Elena Szuczies dirigierte Mädchenchor erfüllen den beeindruckenden Raum mit ihren Klängen. In und um den Dom herum hat sich an diesem Vormittag eine fast seltsame, nicht zu beschreibende Ruhe ausgebreitet.

Musikalisch gesehen ist das unbestritten einer der Höhepunkte im liturgischen Kalender. Und viele warten schon gespannt auf das „Miserere“ von Gregorio Allegri, einen weltberühmter Klassiker geistlicher Renaissance-Musik.

Nach dieser Feier werden die Sängerinnen des Mädchenchors von ihren Eltern am Dom abgeholt. Ostern wird zuhause gefeiert. Die Knaben des Domkapellmeister-Chores dagegen treten um kurz vor zwei den vertrauten Weg zum Dom wieder an. Um 14 Uhr beginnt dort die Einsingprobe für eine der schönsten Liturgien des Kirchenjahres: Die Feier vom Leiden und Sterben Jesu Christ an Kreuz.

Die von Kantoren und Chor gesungene Johannes-Passion, die Motette „Popule meus“ von Tomaso Ludovico da Victoria und das sechsstimmige „Crucifixus“ von Antonio Lotti gehören zu den musikalischen Dauerbrennern in diesem Gottesdienst.

Die Kargheit dieser liturgischen Feier und die Musk der Domspatzen werden zu dieser einzigartigen Symbiose, die bereits die Kraft des Trostes in sich trägt.  

Samstag der Karwoche

Nach dem Frühstück gehen die Gedanken schon ein wenig Richtung Ostern. Von 10 bis 12 Uhr wird am Campus gemeinsam mit dem Bläserensemble der Dommusik geprobt. Domkapellmeister Heiß wird im Ostergottesdienst die Missa „Vidi speciosam“ von Victoria aufführen. Heiß lässt die Mess-Vertonung des Renaissance-Meisters von Bläserstimmen begleiten, aus gutem Grund: „Die Colla parte-Begleitung durch Bläser war seinerzeit gängige Praxis und gibt der Musik eine besonders glanzvolle Präsenz“, sagt Heiß.

Davor steht aber noch um 21 Uhr die Feier der Osternacht. Es ist die „Nacht der Nächte“, für die Christen die Nacht des Durchgangs vom Tod zum Leben. Ein Moment rührt hier besonders an: Wenn nach dem langen Wortgottesdienst im Dunkeln der Bischof das Gloria anstimmt, die Lichter angehen, die Orgel wieder zurück ist und der Domchor aus Leibeskräften das Gloria fortsetzt.

„Da geht einem das Herz auf, und alles um einen herum wird Licht. Da spüre ich die Macht der Musik. Sie ergreift Herzen, sie berührt mit Gott“, sagt Dompropst Dr. Franz Frühmorgen. In dieser österlichen Freude stimmen sie dann zum Ende der Messe auch das achtstimmige „Erstanden ist der Heilig’ Christ“ von Melchior Vulpius an.

Es ist spät geworden. Gegen 23.30 Uhr kommen die Sänger zurück ins Internat oder in ihre Familien. 

Ostersonntag

Um 10 Uhr beginnt das feierliche Pontifikalamt zum Fest der Auferstehung Jesu Christi. Noch einmal ist für die Sänger im Chor von Christian Heiß höchste Konzentration gefragt. Die Victoria-Messe, dazu Chormusik alter und neuer Meister verleihen der Osterfreude ihren musikalischen Ausdruck.

Eine anstrengende und musikalisch außergewöhnliche Woche geht zu Ende. Die Oster-Vesper um 15 Uhr gestalten die Chorleiter als „Ensemble der Dommusik“. Die Messe am Ostermontag wird von einem Chor aus ehemaligen Domspatzen musikalisch gestaltet. Die Sänger des Domkapellmeister-Chores haben sich nun wirklich eine Woche Osterferien zuhause bei ihren Familien verdient. 

Nirgends wird die Relevanz der Domspatzen so klar wie in der Karwoche. In diesen Tagen zeigen sie musikalisch das, was sie auszeichnet und so einzigartig macht. Und was ihre Tradition so wertvoll macht. Sie schaffen erhebende Momente, welche die Besucher der Gottesdienste mitnehmen und aus dem Alltagstrott herausreißen können.

Die Domspatzen singen das Lob Gottes und möchten auch alle Gläubigen animieren, bei den gemeinsamen Teilen aus voller Kehle mitzusingen.

Die Domspatzen im Gottesdienst

Die Domspatzen sind an jedem Sonntag (mit Ausnahme der Bayerischen Schulferien) im Dom St. Peter Regensburg zu erleben. Unter dem Menüpunkt „Veranstaltungen“ erhalten Sie auf domspatzen.de eine aktuelle Übersicht der Gottesdienst-Zeiten, Chöre und des geplanten kirchenmusikalischen Repertoires.

Foto: Michael Vogl/Domspatzen