Für die VOGUE zählen die Bilder, doch am Klang hängt alles. Im November fotografiert Christopher Thomas den Domspatzen Mädchenchor. Acht Monate später nimmt Marie-Josefin Melchior in Adlersberg das Debüt-Album des Ensembles auf. Dazwischen liegen ein Winter, viele Proben und eine Frage, für die es bei einem vier Jahre jungen Chor noch keine endgültige Antwort geben muss: Wie soll er eigentlich klingen?
Fotos: Christopher Thomas
Text: Clemens M Prokop
Auf dem Van steht „Work Pony“, aber das ist eine Untertreibung: Christopher Thomas hat seinen motorisierten Packesel vollgeladen mit Equipment, wie man es eben braucht für amtliche Fotoshootings. Überall auf der Welt hat er schon große Werbekampagnen fotografiert. Als Künstler berühmt wurde Thomas aber als liebevoller Beobachter und Chronist mit unverkennbar eigener Handschrift, zum Beispiel bei den Festspielen in Oberammergau. Seine Reportagen, Ausstellungen und Bücher wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Ihm selbst scheint so viel Ehre eher lästig, sie hat nur einen Vorteil: Er kann sich seine Jobs aussuchen. „Aber die Domspatzen interessieren mich, das mache ich“, sagte er.
Und deshalb steht das Pony jetzt an einem kühlen Novembermorgen in Regensburg vor der Minoritenkirche. Thomas und seine beiden Assistenten laden immer noch mehr aus: Stative, Lampen, Taschen und Kisten. Auch eine Nebelmaschine samt Ventilator hat Thomas vorsichtshalber noch eingepackt. Man weiß nie. Und die Messlatte liegt ziemlich hoch: Die deutsche VOGUE will Fotos vom Domspatzen Mädchenchor.
Die von Bernd Keller designte neue Konzertkleidung ist dabei nur Aufhänger. Das Mode- und Lifestyle-Magazin staunt, ist jedenfalls neugierig geworden und will mehr wissen, was es mit den singenden Mädchen auf sich hat.
Mädchenchor-Sound
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10. Dezember 2026
Es gibt Menschen, die besitzen die Gabe, immer gute Laune um sich herum zu verbreiten. Mit Christopher Thomas und Bernd Keller sind diesmal gleich zwei Profis mit dieser Superpower am Set. Das merkt man vom ersten Augenblick an, als die Mädchen in die Museumskirche kommen. Keller kennen sie ohnehin noch aus der Entwicklungsphase, und Christopher Thomas kann nur ungläubig den Kopf schütteln:
„Die sind ja wirklich so natürlich.“
„Sag ich doch.“
Und dann macht Bernd Keller kurz entschlossen den Bruce und zeigt den Mädchen im Kreuzgang mal, wie man einen Catwalk richtig läuft. „Ich liebe Glamour“, sagt Bernd Keller, der auch sonst das Leben sehr ernst nimmt. Denn Glamour ist für ihn Haltung, das ist eine Frage der Einstellung. Also: Brust raus und das Glück genießen, den Laufsteg für sich zu haben. Keller legt ein Affentempo vor. Gar nicht so leicht, wenn man’s nicht regelmäßig macht. Und ganz schön anstrengend.
Der technische Aufwand für das Gruppenfoto in der Kirche ist beträchtlich, und auch die Visagisten haben an diesem Tag natürlich alle Hände voll zu tun. Aber Christopher Thomas hat seine Augen überall, und deshalb entstehen die schönsten Aufnahmen des Tages völlig ungeplant und ohne große Ansagen. Thomas beobachtet mit seiner Kamera nur. Fängt Augenblicke ein.
Und ja, die sind wirklich so.
Die Nebelmaschine braucht an diesem langen, anstrengenden Tag kein Mensch. Es ist längst dunkel, als das Pony wieder beladen ist. Die Crew sitzt erledigt auf der Steinstufe des Kirchenportals, es ist regnerisch und ungemütlich kalt geworden. „Komm, lass uns auf dem Heimweg noch übern McDonald’s fahren.“
Und ja, die sind wirklich so.
Acht Monate wieder ein Aufbau. Diesmal in der Marienkirche auf dem Adlersberg. Auch Marie-Josefin Melchiors Auto ist aufs Kunstvollste bestückt. Immer noch mehr zaubert sie aus ihrem Kofferraum, und Schritt für Schritt schrauben sich Stative in die Höhe, liegen Kabel, beginnt technisches Gerät zu leuchten.
Ihren Arbeitsplatz richtet sie im Beichtzimmer ein. Eine Bierbank dient als Schreibtisch, denn Marie-Josefin Melchior braucht Platz. Und Konzentration. Als Tonmeisterin wird sie das Debüt-Album des Domspatzen Mädchenchors begleiten: Bei ihr im Beichtzimmer läuft alles zusammen, die Signale von allen 22 Mikrofonen, die sie kunstvoll im Raum platziert hat. Egal ob über Lautsprecher oder mit Kopfhörern: Man hört sofort, dass man wirklich alles hört.
„Genau das ist mein Job“, lacht Marie-Josefin Melchior. Meist arbeitet sie mit namhaften Orchestern, und weil sie selbst Musikerin ist, weiß sie auch genau, wie es sich anfühlt, wenn man auf der anderen Seite ihrer Mikrofone steht.
Für die Chorleiterin Elena Szuczies und die Mädchen in der Kirche ist Melchior oft die mysteriöse Stimme aus dem Lautsprecher: Nach einer Aufnahme ein knapper Hinweis, eine Frage, noch einmal bitte. „Gemeinsam wollen wir das Beste rausholen“, beschreibt die Tonmeisterin den Auftrag, und deshalb kommt sie immer wieder in den Kirchenraum, um zu motivieren, um Ideen auszuprobieren und überhaupt immer dafür zu sorgen, dass sich alle wohlfühlen.
„Wenn die Stimmung nicht stimmt, dann merkt man das als Hörer sofort. Man kann es vielleicht nicht erklären, aber es ist einfach da“, weiß Melchior aus Erfahrung. Und überhaupt gehe es ja nicht nur um eine fehlerfreie Aufnahme. Sondern um ein klangliches und künstlerisches Feilen, das im normalen Konzertbetrieb kaum möglich ist.
Wir sind gefordert, uns zu einer digitalen Musikmarke weiterzuentwickeln.
Bei einer Musikproduktion kann man erstaunlich viel Zeit mit erstaunlich wenig Musik verbringen. Ein Stück, das der Chor längst als Ganzes kennt, zerfällt plötzlich in Abschnitte und viele Takes. Dazwischen hören Szuczies und Melchior zurück, vergleichen und sprechen miteinander. Manchmal verändert Szuczies die Aufstellung. Neuer Take. Hören. Reden. Verändern. Noch einmal.
Und die Sängerinnen? „Einfach Wahnsinn“, sagt die Tonmeisterin. „Die Mädchen verhalten sich so diszipliniert wie erfahrene Profis.“ Profis ja – abgebrüht sicher nicht. Und das hört man. Das sieht man. Immer wieder lädt Marie-Josefin Melchior auch die Jugendlichen ein, im Regieraum einzelne Takes anzuhören und zu vergleichen. Man muss nur in die konzentrierten Gesichter sehen, um zu bemerken, wie selbstkritisch die jungen Künstlerinnen sind: ein Stirnrunzeln hier oder ein stolzes Lächeln da.
Doch, kann man stolz drauf sein. Auch wenn es echt Disziplin verlangt. Der tägliche Aufnahmeplan ist ein wichtiges Gerüst: Marie-Josefin Melchior darf die Uhr nicht aus den Augen verlieren. Und lässt sich gleichzeitig niemals Ungeduld anmerken. Es geht nicht darum, möglichst viel aufzunehmen. Sondern möglichst gut. Die Bedürfnisse der Sängerinnen wiederum kennt Elena Szuczies als Chorpädagogin sehr gut. Sie weiß, wann nun wirklich Pause angesagt ist. Und die Betreuer haben dafür längst Getränke, Obst und Kuchen vorbereitet.
Das Debüt-Album des Domspatzen Mädchenchores markiert tatsächlich einen Paradigmenwechsel in Regensburg. „Wir leben in einer Welt von Netflix und Spotify, in der sich die Mediennutzung radikal verändert hat“, sagt der Domkapellmeister Christian Heiß. „Wir sind deshalb gefordert, uns auch zu einer digitalen Musikmarke weiterzuentwickeln. Die Zeiten, in denen man halt eine Schallplatte aufgenommen hat, und das war’s dann, sind definitiv vorbei.“
Deshalb hat Heiß mit seiner Kollegin Szuczies und dem Team im Domspatzen-Management den Prozess schon lange vor Aufnahmebeginn in Adlersberg begonnen. Und viel Musik gehört: Chöre und Ensembles, bewusst sehr unterschiedliche Aufnahmen. Was gefällt uns daran? Was halten wir für problematisch? Wo entstehen Klangwelten, die uns faszinieren? Und was lässt uns persönlich kalt? Diese Fragen schärfen nicht nur die Vorstellung von dem, was da entstehen soll, sondern sind wertvolle Diskurse, um gemeinsam bewusste Entscheidungen zu treffen. „Unsere vier Chöre haben eine eigene Stimme, und trotzdem soll natürlich alles immer Domspatzen sein. Also eine ganz einfache Übung“, sagt Heiß mit einem Augenzwinkern.
Zum Regensburger Paradigmenwechsel gehört auch die bewusste Entscheidung für einen bestimmten Aufnahmeraum.
Adlersberg kennen viele als idyllischen Ausflugsort und vor allem Biergarten. Von 1274 an lebten hier Dominikanerinnen, aus jener Zeit stammt die frühgotische Klosterkirche, die Fresken sind nur wenig jünger. In den Steinen haben Forscher Zeichen von Handwerkern entdeckt, die auch am Regensburger Dom arbeiteten.
Für die Domspatzen entscheidend ist die Akustik: nahezu perfekt für den Mädchenchor.
Und es ist Marie-Josefin Melchiors Kunst, mit ihrer peniblen Mikrofonierung die perfekte Balance zu finden. In der Postproduktion wird dann aus den verschiedenen Positionierungen die endgültige Mischung entstehen.
Aber nicht nur eine. Auch das ist neu für die Domspatzen auf dem Weg zur digitalen Musikmarke: Melchior nimmt im 3D-Format Dolby Atmos auf. Ursprünglich für immersiven Kinosound entwickelt und heute auch bei Computerspiele und Streamingdiensten im Einsatz, ermöglicht Dolby Atmos genau jene Hörerlebnisse, die auch bei Live-Auftritten der Domspatzen Chöre regelmäßig für Gänsehautmomente sorgen: Wenn sich die klassische Chor-Formation auflöst und der Klang von allen Seiten strömt.
Da wird es bei den Aufnahmen noch einmal richtig spannend. Im Kreis oder in einzelnen Grüppchen um die Dirigentin verteilt – klappt das? Klingt das überhaupt gut?
Spoiler: Es klingt unbeschreiblich
Spoiler: Es klingt unbeschreiblich.
„Wenn ihr wüsstet, wie sehr mich gerade viele Kollegen beneiden“, sagt die Tonmeisterin zum Chor und lacht. Kein Business as usual. Neue technische Möglichkeiten machen Musik nicht unbedingt besser. Aber sie bieten Freiheiten. Und die müssen mutig genutzt und klug gestaltet werden.
Melchior beobachtet, wie schnell der Chor ihre Hinweise verarbeitet. Sie bespricht Details mit Elena Szuczies, Szuczies übersetzt das in eine musikalische Anweisung, und beim nächsten Durchgang klingt die Stelle bereits anders. Auch daran zeigt sich die Reife eines Chores: Elena Szuczies braucht nicht viele Worte. Klar und konzentriert führt sie, und die Sängerinnen kennen diese Arbeitsweise. Man hört hier keinen Chor, dem jemand für eine CD ein wenig mehr Ernsthaftigkeit verordnet hat. Die Mädchen arbeiten immer so.
Auch für die Programmplanung wollte Szuczies von ihren Sängerinnen wissen, welche Stücke sie besonders gerne singen. Daraus entstand kein basisdemokratisches Wunschkonzert, aber Elena Szuczies nimmt ihre Sängerinnen sehr ernst, und die Reaktionen flossen doch in die Auswahl ein. Das erste eigene Album soll schließlich nicht nur etwas über den Domspatzen Mädchenchor erzählen. Der Chor muss es auch gern singen. Und dann passiert es auch, dass ein Stück, das sich in den Proben als wirklich harte Nuss erwiesen hatte, bei den Aufnahmen plötzlich zum Star wird.
Das sind die magischen Momente. Dieser Zauber, wenn etwas Besonderes gelingt.
Die Aufnahme soll ein Erlebnis sein.
Schon zu seiner Gründung 2022 beschrieben die Domspatzen ihren neuen Mädchenchor als eine eigenständige Säule, die in Klang und Repertoire einen eigenen Charakter entwickeln solle. Wie sehr das mittlerweile gelungen ist, lässt sich in Adlersberg recht nüchtern beobachten. Elena Szuczies muss Stücke auswählen, Aufstellungen entscheiden, auf Melchiors Hinweise reagieren und irgendwann sagen: So will ich das, so machen wir es. Ein eigenes Profil entsteht in solchen Momenten wesentlich unspektakulärer, als der Begriff vermuten lässt.
Pause. Höchste Zeit, den Kopf und die Ohren wieder freizukriegen. Die Wiese neben der Kirche bietet genügend Platz. Bei schönstem Sommerwetter sitzen die Sängerinnen draußen im Gras, essen, reden und albern herum. Ein paar spielen Fußball. Es braucht ungefähr die Dauer eines Wimpernschlags, bis die Aufnahme mit ihren Anstrengungen weit weg scheint. „Und genau so soll es sein“, strahlt in solchen Momenten Domspatzen-Manager Marcus Weigl. Denn genau das war ihm schon in der Vorbereitung ein Anliegen: „Die Aufnahme soll ein Erlebnis für die Kinder und Jugendlichen sein, das sie einfach nicht vergessen.“ Wie stark solche Erlebnisse wirken, hat er selbst als aktiver Domspatz erlebt. Und genau das möchte er weitergeben: „Auch wenn die Kinder im Chor absolute Höchstleistung bringen – wir sind für ihre Bildung und Ausbildung verantwortlich und nicht dafür, dass sie möglichst effizient produzieren.“
Vielleicht kann man diesen Anspruch in der fertigen Produktion nicht direkt hören. Spüren wird man ihn ganz sicher.
Mädchenchor-Sound
auf großer Bühne:
Weihnachten mit den Domspatzen
Die Audimax-Konzerte
10. Dezember 2026


